Buchrezensionen

Unter dieser Rubrik finden Sie unsere Buchempfehlungen zum Thema Forensik.

„Kein stures Aneignen von Wissen, sondern ein Sich-Herantasten“

Lehrbuch „Irren ist menschlich“ erscheint in 24. Auflage und völlig überarbeitet

Von Christoph Müller

Klaus Dörner et al. (Hrsg.): Irren ist menschlich – Lehrbuch der Psychiatrie und Psychotherapie, Psychiatrie-Verlag, Köln 2017, ISBN 978-3-88414-610-1, 992 Seiten, 39.95 Euro.

Es gibt nur wenige Bücher, die ganze Berufs-und Lebensbiographien unglaublich intensiv geprägt haben. Das Psychiatrie-Lehrbuch „Irren ist menschlich“ hat bei Generationen von Psychiatrie-Erfahrenen, Psychiatrie-Tätigen und Angehörigen psychisch erkrankter Menschen tiefe Spuren hinterlassen. Wen wundert es? Denn was ursprünglich der Sozialpsychiater Klaus Dörner und die Psychotherapeutin Ursula Plog mit diesem grundlegenden Buch geschaffen haben, hat sich nicht an die Konventionen eines klassischen Lehrbuchs gehalten. Wenn es ein psychiatrisches Lehrbuch gibt, das den Menschen, insbesondere den von einer angeschlagenen Seele betroffenen Menschen, in den Mittelpunkt rückt, dann ist es das Buch „Irren ist menschlich“.

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„Ein erster Schritt hin zur Begleitung des Change Managements“

Tagungsband zu Abwegen und Extremen im Maßregelvollzug

Menschen, die im Maßregelvollzug untergebracht sind, werden schnell mit Abwegen und Extremen in Verbindung gebracht. So wundert es nicht, dass die Eickelborner Tagung für forensische Psychiatrie sich auch dem Abwegigen gewidmet hat. Es erstaunt genauso wenig, dass eine große Bandbreite an Inhalten mit dem Abwegigen in Zusammenhang gebracht worden sind.

So haben sich Sabrina Wiecek et al. mit der Frage beschäftigt, ob die Unterbringung im Maßregelvollzug mit dem Begriff der Lebensqualität in Zusammenhang gebracht werden kann. Für die Autorinnen und Autoren muss die Sexualität näher unter die Lupe genommen werden, wenn Lebensqualität angesprochen wird. Sie sprechen an, was schon  bald in einer Einrichtung des Maßregelvollzugs die gelebte Sexualität schwierig macht: „Das Küssen ist ein interessantes Beispiel: Hier findet eine Form der positiven Kommunikation und Zuwendung statt, die – gemessen an den moralischen Standards „draußen“ – vollkommen unproblematisch und keineswegs anstößig ist. Innerhalb der Klinik muss nun ausgehandelt werden, inwiefern bestimmte Praktiken – in diesem Fall das Küssen – gegen die Vorstellungen der „öffentlichen Ordnung“ des Personals verstoßen, da nur schwerlich exakte Grenzen des Erlaubten regulatorisch festgelegt werden können.“ (S.42)

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"Verschwiegenes zur Sprache gebracht"

Buch zu "Sexualität und Gesundheit" erschienen

Besprochen wird es von Christoph Müller

 Ich möchte es einmal in der Sprache der Tennisspieler sagen: was mit dem Buch "Sexualität und psychische Gesundheit" gestartet wurde, kann nur ein erster Aufschlag sein. Es gibt noch viele Gelegenheiten zum Return. Denn die Schweizer Pflegenden, der Experte aus der Aids-Hilfe und die Betroffene haben Verschwiegenes zur Sprache gebracht.

Sexualität betrifft einen jeden Menschen. Mit einer psychischen Erkrankung bekommt die Sexualität eine andere Bedeutung. Denn im Zusammenhang mit einer manischen Auffälligkeit wird Sexualität grenzenloser. Mit einer depressiven Symptomatik gerät sie in den Hintergrund. Mit der Einnahme von Psychopharmaka scheinen problematische den freudigen Aspekten zu überwiegen. Da Sexualität im Leben eines jeden Menschen eine vitale Funktion hat, deshalb sollte es auch im Kontext mit der psychischen Erkrankung angesprochen werden.

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"Möglichkeitsräume statt Stopschilder"

"Handbuch der Psychoedukation" veröffentlicht

Mit kritischem Blick gelesen von Christoph Müller

Für die Einen ist es Standard in der psychiatrischen Arbeit, für die Anderen ist es ein Instrument, das ein Ungleichgewicht zwischen psychisch erkrankten Menschen, den Angehörigen und den psychiatrischen Helfern: die Psychoedukation. Mit dem Aufkommen von Recovery und Adherence ist die gut gemeinte Psychoedukation etwas in Verruf gekommen. Ob dies zu Recht geschehen ist, mögen psychiatrische Praktiker in ihrem beruflichen Alltag und nach der intensiven Beschäftigung mit dem "Handbuch der Psychoedukation" selber reflektieren. 

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"In das Bühnenlicht der psychiatrischen Öffentlichkeit rücken"

"In das Bühnenlicht der psychiatrischen Öffentlichkeit rücken"

Konrad und Rosemann schreiben Buch zum "Betreuten Wohnen"

Gelesen von Christoph Müller

Es hat etwas Erfrischendes, das Buch "Betreutes Wohnen" in die Hand zu nehmen. Denn Michael Konrad und Matthias Rosemann, die Verantwortung in gemeindepsychiatrischen Einrichtungen in Ravensburg und Berlin tragen, rütteln nicht nur den Leser, sondern vor allem den psychiatrischen Praktiker wach. Mobile Unterstützung stehe für eine Grundhaltung und eine Organisationskultur, "die die Hilfe zu den Menschen in ihrer aktuellen individuellen Situation bringt" (S. 8).

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“Licht und Schatten”

Erstmals liegt ein "Praxishandbuch Schizophrenie" vor

Von Christoph Müller

Es ist immer wieder einmal an der Zeit, den State-of-the-art bezüglich der Diagnose und Behandlung psychischer Erkrankungen zu dokumentieren. Dieser Chronistenpflicht kommt der Psychiater Peter Falkai mit dem "Praxishandbuch Schizophrenie" nach. Er hat eine Schar von Autorinnen und Autoren um sich geschart, die so kenntnisreich wie tiefgründig sind. Differenziert stellen die Expertinnen und Experten aus der klinischen Arbeit die Symptomatik und die somatische Komorbidität, die somatischen Therapieverfahren und die Psychotherapie, die Neurostimulation und die Behandlungsresistenz dar.

Nachdenklich stimmt, dass Falkai sowie seine Mitstreiterinnen und Mitstreiter einen deutlich medizinischen Blick auf das Phänomen der Schizophrenie wagen. Der Trialog von Betroffenen, Angehörigen und professionell Tätigen wird nur angeschnitten. Die Einbeziehung von Peer-Beratern in der psychiatrischen Versorgung wird als Möglichkeit vorgestellt, jedoch nicht intensiver erläutert. So ist die Gefahr möglicherweise groß, den einen oder anderen Satz zu überlesen. Beispiel: "In der modernen Psychiatrie ist die Wahrnehmung von Erklärungs-und Bewältigungsmodellen der Betroffenen unerlässlich." (S. 209)

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"Aus der Sprachlosigkeit zur Bewältigung"

Janine Berg-Peer zu Selbsthilfegruppen in der Angehörigenarbeit

Janine Berg-Peer versteht sich als Mutmacherin. Die Angehörigen psychisch erkrankter Menschen will sie aus der Sprachlosigkeit zu einer selbstbewussten Bewältigung einer unerwarteten Aufgabe führen. Mit dem Buch "Moderation von Selbsthilfegruppen" glückt ihr dies. Denn die fast 100 Seiten des kenntnisreichen Buchs sind voll von ermunternden Worten und persönlichen Erfahrungen.

Berg-Peers Wunsch scheint es zu sein, Betroffenen wie Angehörigen in der Selbsthilfe den Rücken zu stärken. Statt in einem Jammertal zu verharren streicht sie die Vorteile von Selbsthilfegruppen heraus. Selbsthilfegruppen könnten ein gutes Korrektiv sein. Der Austausch miteinander bringe verschiedene Sichtweisen zutage. Die Fähigkeit zur Perspektivübernahme werde gestärkt und könne Verhaltensänderungen fördern, meint Berg-Peer.

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„Horizonterweiterung für psychiatrisch Pflegende“

Esther Indermaur setzt Akzente zur Pflege suchterkrankter Menschen

Von Christoph Müller

Es fällt vielen psychiatrisch Pflegenden schwer nachzuvollziehen, was einen suchtmittelabhängigen Menschen bewegt und wie sie den Weg aus dem eigenen Schlamassel finden. Esther Indermaurs Buch „Recoveryorientierte Pflege bei Suchterkrankungen“ ist nun eine Hilfe wie eine Landkarte in der Zeit, als Menschen noch ohne Navigationsgeräte reisten. Der Reisende hat sich beim Schauen auf die Reiseroute gemächlich auf die Wege eingelassen, die er zum Ziel gehen oder fahren musste. So hat jeder seine innere Haltung zum Reiseland schon finden können.

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"Schuldfrage überflüssig"

Es gibt unter psychiatrisch Tätigen, aber auch im Trialog zwischen Betroffenen, Angehörigen und Praktikern kein Thema, das so intensiv diskutiert wird wie die Zwangsbehandlung und die Zwangseinweisung von psychisch erkrankten Menschen. Dies ist gut so. Schließlich muss die Sensibilität für die Eingriffe gegen das Selbstbestimmungsrecht einzelner Menschen hoch gehalten werden. Unter dem Eindruck der Rechtsprechung im Jahre 2011 haben die Autoren in zeitlicher Nähe einen grundsätzlichen Diskurs zum Thema versucht. Gut so, kann man nur sagen. Es ist nie ein Wort zuviel verloren, wenn es nicht zu ideologisch ausgesprochen wird.

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„Psychiatrie zwischen Autonomie und Zwang“

Das Spannungsverhältnis von Autonomie und Zwang grundsätzlich unter die Lupe zu nehmen, macht Sinn. Deshalb ist positiv zu bewerten, was Wulf Rössler, Paul Hoff und viele andere mit dem Buch "Psychiatrie zwischen Autonomie und Zwang" geleistet haben. Sie haben die historischen Entwicklungen dieses einzigartigen Ambivalenzthemas genauso näher in den Blick genommen wie auch die ethischen Implikationen. Sie haben die deutsche, die schweizerische, aber auch die internationale Perspektive auf das Thema eingenommen.

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Prävention von Zwangsmaßnahmen: Menschenrechte und therapeutische Kulturen in der Psychiatrie

Das von Martin Zinkler, Klaus Laupichler und Margret Osterfeld verfasste Buch erschien in diesem Jahr in 1. Auflage. Der Titel verspricht Anregungen und Auseinandersetzungen rund um die Vermeidung von Zwangsmaßnahmen. Die Herausgeber nennen als ein zentrales Anliegen ihres  Buches den psychiatrisch Tätigen „Mut zu machen und neue Wege zu gehen“.

Die trialogische Perspektive stellt den gestalterischen Rahmen dar und wird konsequent im ganzen Buch umgesetzt. So beginnt das Buch mit einem Vorwort von Dorothea Buck, die die psychiatrisch Tätigen dazu auffordert, sich als ermutigende Helfer gegenüber den ihr anvertrauten Patienten zu präsentieren.

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Rainer Dabrowski: verknackt, vergittert, vergessen – Ein Gefängnispfarrer erzählt

Wer viele Jahre an einem besonderen Arbeitsplatz tätig ist, der kann eine Menge erzählen. Der evangelische Pfarrer Rainer Dabrowski ist bald ein Vierteljahrhundert Seelsorger in der Justizvollzuganstalt Berlin-Tegel gewesen. Es ist eine Zeit, die ihn tief geprägt hat. Diesen Eindruck vermittelt sein Buch „verknackt, vergittert, vergessen“. Denn mit dem Erzählen eigener Erlebnisse und Erfahrungen nimmt er den Leser in eine Welt mit, die im besten Sinne den meisten Menschen verschlossen bleibt.

 

 

Dabrowski gelingt es, ganz konkrete Situationen anschaulich darzustellen. Er schafft es, die Eigendynamiken einer solchen totalen Institution deutlich zu machen. So veranschaulicht er, welche Funktionen ein Gefängnisseelsorger über seine ureigene Aufgabe hinaus übernimmt und wie groß die Gefahr ist, an der ein oder anderen Stelle auch ausgenutzt zu werden.

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Das Recht auf Unversehrtheit in Anspruch nehmen

(Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (Hg.): Was tun – bei Konflikten und Aggressionen in Familien mit einem psychisch erkrankten Angehörigen? Empfehlungen für Familien und Freunde psychisch erkrankter Menschen. Bonn 2016, 28 Seiten, 4 Euro inklusive Versandkosten)

 

Der Bundesverband der Angehörigen psychisch erkrankter Menschen e.V. (BApK) widmet sich mit dieser Broschüre den Themen Aggression und Gewalt im häuslichen Umfeld. Es ist unstrittig, dass diese Themen schon seit längerem keine Tabuthemen mehr sind, zumindest dann, wenn es um die Mitarbeitenden in den psychiatrischen Einrichtungen geht. Diese werden in speziellen Techniken zum Umgang mit Aggression und Gewalt geschult. Es wird ihnen nach Übergriffen durch Patienten oftmals ein entsprechendes Nachsorgemanagement geboten. Was aber ist mit den Angehörigen, Freunden und Bekannten, die in ihrer häuslichen Umgebung mit Gewalt und Aggressionen durch ein Familienmitglied konfrontiert werden?

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Herausforderung Pädophilie

„Empathisch, aber deutlich in der Haltung“

 Mit dem Buch „Herausforderung Pädophilie“ haben die Psychologin Claudia Schwarze und der Sozialpädagoge Gernot Hahn etwas Bahnbrechendes erreicht. Sie diskutieren das Thema Pädophilie ohne jede Skandalisierung und Dramatisierung. Sie machen glücklicherweise noch mehr. Sie positionieren sich klar gegen eine gelebte Pädosexualität und stellen somit die eigenen moralischen Werte dar.

 „Verantwortlich leben, Straftaten verhindern“ - dieses Grundbekenntnis durchzieht das gesamte Buch. Schwarze und Hahn zeigen auf, dass Pädosexualität erst einmal eine Empfindungsmöglichkeit von Sexualität sein kann. Es ist eine Empfindungsmöglichkeit, die gesellschaftlich aus nachvollziehbaren Gründen nicht gerne gesehen wird. Dies führt dazu, dass sich pädosexuelle Menschen in ihrem Empfinden stigmatisiert und in ihrer Identität begrenzt fühlen.

 Wen spricht das Buch von Schwarze und Hahn an ? In erster Linie sind es die Betroffenen und ihr soziales Umfeld, die Orientierung  finden können. Es sind aber auch die professionellen Helfer, die auf den 216 Seiten auf einen großen Fundus an Erfahrung und Richtlinien zurückgreifen können, um Menschen zu verstehen, die pädosexuell ausgerichtet sind.

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Umgang mit Zwangsmaßnahmen in Krankenhäusern, Psychiatrien und Pflegeeinrichtungen.

Scherr, Judith, Umgang mit Zwangsmaßnahmen in Krankenhäusern, Psychiatrien und Pflegeeinrichtungen. Juristische Handreichung für die Arbeit in psychiatrischen und somatischen Kliniken und Pflegeeinrichtungen nach SGB XI, Deutsche Krankenhaus Verlagsgesellschaft mbH, Düsseldorf 2015, 39,90 Euro

Um das Fazit des Rezensenten gleich am Anfang der Besprechung herauszustellen: Dies ist ein hervorragend geschriebenes Fach-Buch. Es bietet einen – insbesondere für Nicht-Juristen – verlässlichen und verständlich dargestellten Überblick über die Rechtslagen für zivilrechtliche Unterbringungen nach dem Betreuungsrecht als Bundesrecht und nach den PsychKGs der Länder sowie über die rechtlich zulässigen Zwangsmaßnahmen, Behandlungen wie Fixierungen, ebenfalls nach Bundesrecht und den 16 einschlägigen Ländergesetzen.

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Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen

Wenn es um die Zwangsbehandlung psychisch erkrankter Menschen geht, dann gehen in der Regel die Emotionen hoch. Dies erscheint nachvollziehbar angesichts der Verletzung der Integrität des Einzelnen. Höchstrichterliche Rechtsprechung aus den vergangenen Jahren und das Bemühen politisch Verantwortlicher, die Gesetzgebung entsprechend anzupassen, haben die Sensibilität aller an Zwangsmaßnahmen Beteiligter deutlich gesteigert.

Das Buch „Zwangsbehandlung psychisch kranker Menschen“, das nun Tanja Henking und Jochen Vollmann als Mitarbeitende am Institut für Medizinische Ethik und Geschichte der Medizin an der Ruhr-Universität Bochum herausgegeben haben, gibt nun einen profunden Einblick in die Fragestellungen.

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„Schuld nehmen bedeutet Freiheit zu nehmen“

Filmemacherin Christa Pfafferott über die Radikalität forensisch-psychiatrischen Arbeitens

Von Christoph Müller

Wer in der forensischen Psychiatrie arbeitet, der weiß um das (Miss-)Verhältnis von Macht und Ohnmacht in dem verschlossenen Setting. Die Autorin und Filmregisseurin Christa Pfafferott hat 2014 mit der Filmkamera auf dieses Phänomen geschaut und den Film „Andere Welt“ gedreht. In der Klinik Nette-Gut für Forensische Psychiatrie im rheinland-pfälzischen Weißenthurm hat sie Menschen begleitet und ganz alltägliche Situationen gedreht, an denen sich so viel illustrieren lässt, was das Verhältnis von Macht und Ohnmacht ausmacht.

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„Fachleistungsstunden verlieren Kontur“ Studie zum eigentlichen Charakter des Ambulant Betreuten Wohnen

 Von Christoph Müller

Es sind zwei Pfunde, mit denen Julia Tamms Buch „Ambulant Betreutes Wohnen aus der Perspektive Psychiatrieerfahrener“ besonders beeindrucken kann. Es ist die Perspektive aus der Sicht der betroffenen Menschen, die sie konsequent umsetzt. Es ist die daraus resultierende Überzeugungskraft, der sich der Leser wahrlich nicht entziehen kann.

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„Vom bürgerlichen Wohnhaus zum geschichtsträchtigen Gedenkort“ Eine Adresse verkörpert das Grauen

Was in den Jahren des zweiten Weltkriegs in der Tiergartenstrasse 4 in Berlin erdacht, geplant und durchgeführt wurde, dies ist mehr als grauenvoll gewesen. Alte und Gebrechliche, Kranke und Behinderte sind nach den Vorstellungen der Nationalsozialisten in den Tod geschickt worden, da ihr Leben als lebnsunwert beschrieben worde ist. Die Historikerin Annette Hinz-Wessels beschreibt nun in ihrem Buch „Tiergartenstrasse 4 – Schaltzentrale der nationalsozialistischen Euthanasie-Morde“ den Ort des Geschehens.

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„Kein Schlussstrich bei der Aufklärung über Tat, Täter und Opfer“ Dokumentation über den Berliner Gedenkort Tiergartenstraße 4

„In einer gutbürgerlichen, prächtig ausgestatteten Villa am Berliner Tiergartenrand bezog die Planungs-und Verwaltungsbehörde für die „Euthanasie“-Morde im Mai 1940 ihr Quartier … Sie kann als Sinnbild für die Verknüpfung von Vergangenheit und Gegenwart gedeutet werden. Der Ort der Täter … ist zugleich der Ort, an dem sich die West-Berliner Nachkriegsgesellschaft um die Wiederbelebung und Neugestaltung kultureller Werte bemühte.“ (S. 6) So erscheint es nur schlüssig, dass an historischer Stelle eine zu jeglicher Zeit zugängliche Open-Air-Ausstellung seinen Platz hat.

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Es reicht nicht, mit dem Finger auf die Schuldigen zu zeigen - Bernd Maelicke: Das Knastdilemma – Wegsperren oder resozialisieren? Eine Streitschrift

Auf den ersten Blick hat man den Eindruck, dass der Autor, Bernd Maelicke (Jurist & Sozialwissenschaftler), mit dem Buch „Das Knastdilemma“ altbekannte Gräben aufreißen will. Er stellt die traditionelle Kernfrage, ob Menschen für kriminelles Verhalten bestraft oder in die Gesellschaft reintegriert werden sollen. Das Buch stellt sich als differenzierte Studie zu Fragen um den Strafvollzug und die Resozialisierung heraus. 

Die vollständige Rezension sowie die bibliografischen Angaben sind mit der Überschrift verlinkt.

Sozialtherapie auf dem Prüfstand - Evaluation sozialtherapeutischer Behandlung im Justizvollzug

„Sozialtherapie auf den Prüfstand gestellt“

Gelegentlich könnte man meinen, dass die sozialtherapeutische Begleitung straffällig gewordener Menschen im Justizvollzug der Weisheit letzter Schluss wäre. In populären Medien wie in populären Diskussionen wird zumindest dieser Eindruck vermittelt. Susanne Niemz hat nun den Versuch gemacht, in einer länderübergreifenden Studie die unterschiedliche Konzepte sozialtherapeutischen Arbeitens auf den Prüfstand zu stellen. Gelungen ist ihr eine Forschungsarbeit, die ein wenig an der Wahrheit der Sozialtherapie schnuppern lässt.

Christoph Müller hat den Evaluationsbericht gelesen, seine Rezension und die bibliografischen Angaben finden Sie verlinkt mit der Überschrift.

Die unheimlichen Richter – Wie Gutachter die Strafjustiz beeinflussen

In Verruf gekommen sind die Gerichtsgutachter in den vergangenen Jahren allemal. Ihre Fachlichkeit ist immer wieder in Frage gestellt worden. Ihre Rolle bei umstrittenen Unterbringungen von Menschen erscheinen immer wieder zweifelhaft. Wer nun ein wenig Licht in die Arbeit von Gerichtsgutachtern bringt, ist der namhafte Rechtspsychologe Rudolf Egg, der bis zu seiner Pensionierung Direktor der Kriminologischen Zentralstelle in Wiesbaden gewesen ist.

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Angehörigenarbeit in forensischen Psychiatrien - eine Studie

„Ein Meilenstein“

Studie beleuchtet Situation der Angehörigen in der forensischen Psychiatrien.

 

Eine Nische in der Forschungsarbeit um forensisch-psychiatrische Kliniken haben Jana Willems und Heike Küken-Beckmann gefunden. Denn sie haben einen intensiven Blick auf die Situation von Angehörigen psychisch erkrankter Menschen geworfen, die im Maßregelvollzug untergebracht sind. Zu diesem Zwecke haben sie Experteninterviews gemacht, haben den Kontakt zu Bezugstherapeuten von Menschen gesucht, die Tag für Tag Menschen begegnen, die im Rahmen einer psychiatrischen Auffälligkeit straffällig geworden sind.

Die ausführliche Rezension  von Chrisoph Müller und nähere Informationen sind mit der Überschrift verlinkt.

 

 

 

 

 

In die Gedankenwelt und die emotionale Welt von Angehörigen eintauchen

Janine Berg-Peer stärkt als Mutter einer psychisch erkrankten Tochter Angehörigen psychisch Erkrankter den Rücken. Ihr Buch „Aufopfern ist keine Lösung“ ist ein ermutigendes Buch. Es fordert mit seinen Sichtweisen Eltern psychisch kranker Kinder einiges ab. Für psychiatrisch Pflegende, aber natürlich auch andere professionell Tätige ist es eine hervorragende Gelegenheit, in die Gedankenwelt und die emotionale Welt von Angehörigen einzutauchen.

Die Rezension sowie die bibliographischen Angaben sind mit der Überschrift verlinkt.

 

 

 

 

 

Jürgen Armbruster/Anja Dieterich/Daphne Hahn/Katharina Ratzke (Hrsg.): 40 Jahre Psychiatrie-Enquete

„Ein Feld bestellen, das es ständig zu pflegen gilt“

Buch zu 40 Jahre Psychiatrie-Enquete

 

Wenn heute Politik betrieben wird, fordern viele Verantwortliche und Entscheidungsträger Nachhaltigkeit ein. Die Psychiatrie-Enquete aus dem Jahre 1975 hat in der Versorgung psychisch erkrankter Menschen ihre Spuren hinterlassen. Anlässlich des 40-jährigen Jubiläums haben unter der Federführung von Jürgen Armbruster und Anja Dieterich, Daphne Hahn und Katharina Ratzke viele Vordenker, Mitdenker und Perspektivdenker nach den Hinterlassenschaften geschaut und über anstehende Aufgaben nachgedacht.

Mit dem Blick in Vergangenheit und Zukunft von Christoph Müller unter die Lupe genommen ist seine Rezension mit der Überschrift verlinkt.

 

Frank Häßler/Wolfram Kinze/Norbert Nedopil (Hrsg.): Praxishandbuch Forensische Psychiatrie – Grundlagen, Begutachtung, Interventionen im Erwachsenen-, Jugendlichen-und Kindesalter

 

„State-of-the-art in der forensischen Psychiatrie“

 

Schwer getragen und fleißig gelesen hat Christoph Müller

 

Wer das „Praxishandbuch Forensische Psychiatrie“ in die Hand nimmt, der kann nur einen Eindruck haben. Die Fülle der wissenschaftlichen wie praktischen Erkenntnisse in der forensischen Psychiatrie ist überwältigend. Nicht anders ist die Tatsache zu interpretieren, dass dieses Buch knapp 900 Seiten umfasst. Es ist eine Fleißarbeit, sich durch die unterschiedlichen Inhalte dieses Grundlagenwerkes zu arbeiten. Doch es gibt eine Belohnung nach dieser Kärrnerarbeit. Denn die Leserin bzw. der Leser geht mit einem unglaublichen Erkenntnisgewinn wieder in die forensisch-psychiatrische Praxis.

Die ausführliche Rezension ist verlinkt mit der Überschrift.

 

 

 

 

 

 

 

Nahlah Saimeh (Hrsg.): Straftäter behandeln – Therapie, Intervention und Prognostik in der Forensischen Psychiatrie

Die Forensik-Tagungen in Lippstadt-Eickelborn sind Garanten für inhaltliche Impulse. Umso wichtiger ist es, dass sie alljährlich durch die dortige Chefärztin Nahlah Saimeh dokumentiert werden. Immer wieder ist es auch so, dass im Westfälischen Themen angesprochen werden, die ansonsten eher Nischencharakter haben. So geschehen auch im Rahmen der Tagung 2015.

Der Tagungsband wurde für Sie gelesen und rezensiert von Christoph Müller, seine Ausarbeitung ist mit der Überschrift verlinkt.

Nadine Bull / Christine Poppe (Hrsg.): Zuhören, informieren, einbeziehen – Leitfaden für die Arbeit mit Angehörigen in der Psychiatrie

Das Buch „Zuhören, informieren, einbeziehen“ ist  ein Sachbuch, das für die psychiatrische Praxis nach neuen Wegen sucht. Suchen Sie ruhig mit!

Eine Rezension von Christoph Müller.

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Jörg Utschakowski: Mit Peers arbeiten – Leitfaden für die Beschäftigung von Experten aus Erfahrung

Aus der Praxis in die theoretischen Überlegungen geschaut - eine Rezension von Christoph Müller.

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Nahlah Saimeh (Hrsg.): Mit Sicherheit behandeln – Diagnose, Therapie und Prognose.

 

„Sich um Augenhöhe bemühen“

 

Gelesen von Christoph Müller

 

Wer im Massregelvollzug tätig ist, für den ist der Begriff der Sicherheit Auftrag und Damoklesschwert zugleich. Diesen Eindruck bekommen forensisch-psychiatrisch Tätige während ihres beruflichen Alltags. Das Buch „Mit Sicherheit behandeln“ greift die Janusköpfigkeit des Sicherheitsbegriffs auf.

 

Es stellt sich in diesem Kontext natürlich stets die Frage, wie Sicherheit für die Gesellschaft, aber auch für im Massregelvollzug Lebende und Arbeitende gewährleistet werden kann. Das Buch sucht die Nischen, schaut nach Themen, die bislang selten betrachtet sind. So schreibt Katja Willebrand in ihrem Beitrag „Denn man sieht nur die im Lichte“ über Forensik-Patienten auf der Bühne. DieWirkung von schauspielerischer Arbeit mit Menschen, die im Massregelvollzug leben, erlebt eine große Vielfalt. Mit dem Blick auf die Zeitgenossinnen und Zeitgenossen fasst Willebrand zusammen: „Wer in einer Situation seines Lebens ein Täter gewesen ist, kann in einer anderen Situation ein Schauspieler sein, ein freier Mensch, der andere begeistert. Diese Erfahrung überrascht. Begriffe wie Gefährlichkeit, das Böse, Normalität und Freiheit lösen sich aus den gewohnten Kontexten und wollen neu zugeordnet werden. Wesentlich für die Bereitschaft der Zuschauer, derart zentrale Begriffe in Bewegung zu versetzen, sind Freude an den Aufführungen, Begegnung mit und Berührung durch die Patienten.“ (278 / 279)

 

Diese subjektive Erfahrung im Hinterkopf erscheint die Skandalisierung von Menschen, die Berührungspunkte mit dem Massregelvollzug haben oder hatten, als Hysterie. So ist die Leichtigkeit des Aufsatzes von Willebrand eine willkommene Erfrischung gegenüber anderen Autorinnen und Autoren, die sachlich und ernsthaft die Sicherheit in den Mittelpunkt der eigenen Überlegungen stellen. Dieter Seifert und Tina Neuschmelting stellen die Frage: „Wie diagnostiziert man einen intelligenzgeminderten Rechtsbrecher ?“. Rüdiger Müller-Isberner nimmt „das Managment forensisch-psychiatrischer Versorgungssysteme“ unter die Lupe. Andreas Mokros et al. Wünscht: „Forensifizierung vermeiden: Neue Wege zur Prävention der Delinquenz von psychisch Kranken“.

 

Ganz eigene Einsichten findet man in dem Aufsatz „Sind Frauen die besseren Mörder ?“. Sigrun Roßmanith stellt fest: „Frauen, die töten, sind eine Rarität.“ (225) Frauen seien kreativer und entschlossener, wenn es darum gehe, eine extreme Lösung zu finden. Fehlende körperliche Kräfte ersetzten sie durch ausgeklügelte Strategien. So stellt sich in diesem Zusammenhang natürlich auch die Frage, inwieweit Frauen grundsätzlich eine größere Garantie dafür wären, dass es im Miteinander der Geschlechter größere Sicherheiten gibt.

 

Die Gerichtspsychiaterin Nahlah Saimeh beschäftigt sich in ihrem Aufsatz „Dark Rooms – ist die Forensik eine Gefahr für psychisch kranke Menschen ?“ eigentlich mit feuilletonistischen Fragen. Sie spricht sich mehr als deutlich dafür aus, dass die Psychiatrie gut daran tue, „sich in Diktion und Verfahrensweisen um die Augenhöhe mit den Patienten zu bemühen“. Dies verbindet sie mit der Überlegung, dass Architektur in einer forensischen Klinik das Denken verrate, genauso wie die Sprache das Denken verrate.

 

Ein angemessenes Innehalten.

 

Nahlah Saimeh (Hrsg.): Mit Sicherheit behandeln – Diagnose, Therapie und Prognose, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2014, ISBN 978-3-95466-118-3, 281 Seiten, 34.95 Euro.

  

  

  

  

Nahlah Saimeh (Hrsg.): Das Böse behandeln

„Forensische Psychiatrie vermag es nicht, zum Bösen vorzudringen“

 

Gelesen von Christoph Müller

 

Wer den Titel des Buchs „Das Böse behandeln“ in den Blick nimmt, könnte meinen, die Kraft der Suggestion erreiche alles. Demgegenüber gehen die Autorinnen und Autoren in die Urgründe der forensisch-psychiatrischen Arbeit und entwickeln Ideen, wie das Böse ganz alltäglich gebändigt werden könnte.

 

Die forensische Psychiaterin Nahlah Saimeh beispielsweise stellt klar, dass die forensische Psychiatrie es nicht vermag, zum Bösen vorzudringen. Viele Menschen werden sich aufgrund einer solchen Positionierung fragen, welchen Auftrag die beruflich Tätigen in der forensischen Psychiatrie denn ansonsten erfüllen. Anstatt sich auf die Banalisierung einzulassen, denkt Saimeh gründlich über das Böse nach. Sie gesteht zu, dass forensische Psychiatrie durch Korrektur dysfunktionaler Denkweisen behandele und das Handlungsrepertorie von Menschen erweitere, „deren Flexibilität im Denken und Handeln durch psychische Störungen gravierend eingeschränkt ist“(199).

 

Gleichzeitig räumt Saimeh mit einem Vorurteil auf, wenn sie darlegt, dass das Böse an sich keine Krankheit sei. Es sei „die Folge von der Missachtung des Lebendigen und wendet sich daher gegen das Lebendige“ (198). Eine inhaltliche Konsequenz dieser Art muss der Leser erst einmal geduldig durchdenken. Schließlich deutet Saimeh in einem solchen Kontext an, dass Handeln immer auch Konsequenz persönlicher Erfahrungen und somit sozialisiert und von außen erlernt ist.

 

Es sei dahin gestellt, ob sich der Leser auf das sehr tiefgründige Nachdenken Saimehs einlässt. Das Buch bietet nicht nur eine große Nachdenklichkeit. Es bietet eine große Vielfalt, die sich des Bösen annehmen. Franziska Lamott schreibt über „Destruktive Dynamiken in forensischen Institutionen“. Hans Holzhaider denkt über „den Mensch als Täter – den Täter als Mensch“ nach. Alexander Vollbach hat „den alternden Täter und Gefangenen in seinen sozialen Bezügen“ im Blick.

 

Hans-Ludwig Kröber fragt, ob die Empathie-Forderung ein therapeutischer Fetisch ist. Ihm ist für seine Überlegungen zu danken, den Empathiemangel unter die Lupe genommen zu haben. Kröber schreibt: „Es besteht ein hohes Risiko, dass der Begriff Empathiemangel gerade im forensischen Kontext als bequeme, inhaltsleere Scheinerklärung für ein komplex bedingtes und komplex motiviertes Verhalten dient, das hier die Gestalt eines Rechtsbruchs, möglicherweise eines Roheitsdeliktes oder einer Gewalttat angenommen hat.“ (19)

 

Wer in der forensischen Psychiatrie tätig ist, der muss sich sehr gründlich mit den Menschen, vor allem aber auch mit den ihm begegnenden Phänomenen beschäftigen. Das Buch „Das Böse behandeln“ ist ein Schritt in diese Richtung. Es argumentiert realistisch. Beispielhaft könnte sein, was Monika Welzel zu den Zwangsmitteln im Maßregelvollzug schreibt. Sie konstatiert, dass die Kunst darin bestehe, die rechte Balance zwischen widerstreitenden Interessen zu finden. Weder ein übertriebenes Sicherheitsdenken, noch ein übertriebenes Fürsorgedenken sollte Maßstab der Handelnden im Maßregelvollzug sein.

 

Mit Suggestion hat das Buch wenig zu tun, vielmehr mit der Entwicklung realisierbaren Handelns zwischen Humanität und Deutlichkeit.

 

Nahlah Saimeh (Hrsg.): Das Böse behandeln, Medizinisch Wissenschaftliche Verlagsgesellschaft, Berlin 2014, ISBN 978-3-95466-057-5, 224 Seiten, 34.95 Euro.

  

  

  

Der Fall Mollath. Vom Versagen der Justiz und Psychiatrie

(Gerhard Strate: Der Fall Mollath. Vom Versagen der Justiz und Psychiatrie. Zürich: Orell Füssli Verlag, 2014, 288 Seiten, 19,95€)

Unter diesem Titel hat der Hamburger Rechtsanwalt Gerhard Strate ein Buch über den Fall seines Mandanten Gustl Mollath veröffentlicht, in dessen Wiederaufnahmeverfahren er einer der Verteidiger war. Das Vertrauen in den Rechtsstaat und in die forensische Psychiatrie wurde in der jüngsten Vergangenheit unter anderem auch durch das Fehlurteil in dieser Angelegenheit in Mitleidenschaft gezogen.

Das Wiederaufnahmeverfahren kann als eines der am besten und detailliertesten öffentlich dokumentierten und diskutierten Strafverfahren in Deutschland betrachtet werden. Dies ist zu einem großen Teil der Verteidigung Mollaths zu verdanken, die gemeinsam mit anderen Unterstützern Schriftsätze, Verhandlungsmitschriften und weitere Dokumente veröffentlicht hat.

In seinem Buch schildert der Verteidiger den Fall nun aus seiner Perspektive. Nach der breiten öffentlichen Debatte stellt sich die Frage, ob dieses Buch überhaupt noch Neues beinhaltet. Inhaltlich dürfte das Meiste bekannt sein, Strates Ausführungen bieten jedoch viele weitere interessante, teils diskussionswürdige, Ansichten.

Mit der forensischen Psychiatrie geht er scharf ins Gericht, die gesamte Fachrichtung wird von ihm verurteilt. Besonders mit psychiatrischen Gutachtern rechnet Strate pauschal und umfassend ab. Er beschreibt die Psychiatrie als System, das von der Norm Abweichende generell entrechtet und entwürdigt. Diese Generalabrechnung bringt Strates persönliche Auffassung und Haltung deutlich zum Ausdruck. Sachlich betrachtet ist sie in Teilen fragwürdig und in dieser Schwere sicherlich nicht haltbar. Zugleich bietet diese Abrechnung aber auch Grundlage und Ausgangspunkt für eine kritische Auseinandersetzung mit der (forensischen) Psychiatrie.

Die Kritik an der Justiz fällt hingegen vergleichsweise gering aus, hier rückt Strate Fehler und Versäumnisse einzelner Beteiligter in den Fokus. Der Umgang mit psychiatrischen Stellungnahmen und Gutachten durch die Justiz wird ebenfalls nicht generell hinterfragt. Grundsätzliche Kritikpunkte, Schwächen und Reformbedarfe im Verfahren und Vollzug der freiheitsentziehenden Maßregel nach § 63 StGB sowie der Feststellung der Schuldunfähigkeit/verminderten Schuldfähigkeit werden nicht benannt oder evaluiert.

Unabhängig von der Person Mollaths, den Vorwürfen gegen ihn und tatsächlichen Ereignissen – Strate belegt in seinem Buch eindrücklich, dass die Vorgänge in diesem Fall so nicht hätten geschehen dürfen, dass man dem Betroffenen nicht das hätte antun dürfen, was ihm widerfahren ist.

Fazit
Trotz, und vielleicht gerade wegen, Strates plakativer genereller, verallgemeinernder und unversöhnlicher Kritik an der forensischen Psychiatrie und an psychiatrischen Begutachtungen und Gutachtern wird deutlich, dass dieser Bereich der Psychiatrie kritisch auf den Prüfstand gestellt werden muss. Das Fachgebiet muss sich um Transparenz bemühen, auch um die durchaus vorhandenen, -erfolgreichen, positiven Aspekte dar zu stellen.
Dies muss insbesondere durch diejenigen erfolgen, die in diesem Fachbereich professionell Tätig sind und die ihn gesellschaftlich repräsentieren.

Die Praxis des Befolgens gutachterlicher Expertise und Stellungnahmen seitens der Justiz wird anhand Strates Buch einmal mehr deutlich. Eindrücklich wird das mögliche Zusammenspiel und die hiermit verbundenen methodischen Verkettungen von Strafjustiz und Psychiatrie dargestellt. Der Fall Mollath ist ein mahnendes Exempel für systematisches Versagen einer Justiz, die sich scheinbar blind auf Gutachten verlassen hat. Nicht zuletzt wird am Fall Mollath deutlich, dass die psychiatrische Maßregel nach § 63 StGB der Reform bedarf, die einen zeitgemäßen und unter Einbezug aktueller Erkenntnisse der beteiligten Fachdisziplinen gestalteten Rahmen für Verfahren und Vollzug dieser Maßregel bietet. Trotz der aufgeführten Kritikpunkte ist das Buch absolut lesenswert, es lädt den Leser mit interessanten, teils provokanten und polarisierenden Sichtweisen und Ausführungen zur kritischen Auseinandersetzung mit der Thematik ein.

Andrea Trost (BA of Nursing, M.A. Beratung und Vertretung im Sozialen Recht)

Psychisch kranke Menschen im Recht-Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Mitarbeiter in psychiatrischen Einrichtungen

(Rolf Marschner: Psychisch kranke Menschen im Recht. Ein Ratgeber für Betroffene, Angehörige und Mitarbeiter in psychiatrischen Einrichtungen. Köln: BALANCE Buch + Medien Verlag, 2015 255 Seiten, 19,95€)

Der von Ralf Marschner verfasste Ratgeber erscheint mittlerweile in 6. Auflage. Der Autorist als Rechts- und Fachanwalt mit den Schwerpunkten Behindertenrecht und Rechtsfragen der Psychiatrie tätig und verfügt im Rahmen dieser Tätigkeit über langjährige Erfahrungen und Einblicke in die psychiatrische Landschaft. Und somit auch über die  in diesem Bereich bestehende große, teilweise unübersichtliche Vielfalt gesetzlicher Regelungen und Vorschriften des Leistungs- und Verwaltungsrechts. Unterstützungsangeboten, mit deren unterschiedlichen Zuständigkeiten.

Der Autor  möchte sein Buch als „Orientierungshilfe im "Regelungsdschungel“ verstanden wissen. Für juristische Laien  (Betroffene sowie in diesem Bereich Mitarbeitende) ist diese Vielfalt vielfach nur schwer zu überblicken und verständlich. Das vorliegende Werk bringt hier eine Übersicht und sorgt für ein besseres Verständnis in diesem „Dschungel“.

Zu Beginn werden Grundlagen, wie die juristischen Definitionen psychischer Krankheit und seelischer Behinderung,  Rechtsgrundlagen der Behandlung, der Umgang mit Dokumentationen und Schweigepflicht, aber auch Themen wie Patientenverfügungen und Behandlungsvereinbarungen, welche im Rahmen der Stärkung der Patientenrechte eine zunehmende Bedeutung gewinnen, erläutert. Im zweiten Teil widmet sich der Autor den Inhalten des Sozialrechts und den entsprechenden Leistungen. Hierbei werden alle relevanten Bereiche, abgebildet und in kurzer, für den juristischen Laien verständlicher Form besprochen. In Teil Drei geht es um rechtliche Grundlagen besonderer Problemlagen:vom  vom Umgang mit psychiatrischen Krisen bis zum Bereich Straftaten psychisch kranker Menschen und damit dem Maßregelvollzug. Der letzte Teil widmet sich den Wegen zum Recht.  Beratungs- und Unterstützungsangebote werden aufgeführt, inklusive Adressen, zudem wird, auf weiterführende Literatur verwiesen.  Auch wird auf ein zum Buch gehörendes Downloadmaterial hingewiesen, das immer wieder der aktuellen Rechtsprechung entsprechend aktualisiert.

Fazit

Diese 6. Auflage des Buches „Psychisch kranke Menschen im Recht“ bietet einen breiten Einblick in die bestehenden, die Psychiatrie und deren Umgebung betreffenden, Gesetze und Vorschriften? Verordnungen?. Aufgrund seines Umfangs kann es nicht ins Detail gehen, dafür gibt es jedoch weiterführende Hinweise, auch auf kostenlose Quellen. Das Buch erfüllt die vom Autor genannte Absicht eine „Orientierungshilfe im Regelungsdschungel“ zu sein vollkommen und sollte möglichst vielen Menschen, denen die von psychischer Krankheit oder seelischer Behinderung betroffen sind, aber auch den professionell Tätigen, zugänglich gemacht werden.

Stefan Rogge (Fachgesundheits- und Krankenpfleger für Psychiatrie und Stationsleitung einer Krisen- und Aufnahmestation in der forensischen Psychiatrie)