Veröffentlichungen in R&P 1/2012

Rita Haverkamp / Andreas Schwedler / Gunda Wößner

Die elektronische Aufsicht von als gefährlich eingeschätzten Entlassenen

Mit dem Ziel einer besseren Kontrolle und der Abschreckung vor Rückfalltaten wurde Anfang 2011 die Möglichkeit der elektronischen Aufenthaltsüberwachung mittels GPS als Weisung im Rahmen der Führungsaufsicht eingeführt. Die damit verbundenen Probleme sind vielfältig: Zum einen bestehen Zweifel an der Verfassungsmäßigkeit der Maßnahme, mit denen sich nach einer durch das OLG Rostock abgewiesenen Beschwerde aktuell das Bundesverfassungsgericht beschäftigt. Der Beschluss des OLG Rostock macht deutlich, dass es unzureichend erscheint, die elektronische Aufenthaltsüberwachung auch ohne Einholung eines Sachverständigengutachtens anordnen zu können, gerade vor dem grundlegenden Problem der Prognose fortbestehender Gefährlichkeit bei inhaftierten Straftätern. Schließlich gibt es kaum empirische Belege dafür, dass die elektronische Aufenthaltsüberwachung tatsächlich rückfallverhindernd wirkt. Die mit dem möglicherweise jahrelangen Tragen des Gerätes verbundene Stigmatisierung und freiheitliche Einschränkung könnte dem Ziel der Resozialisierung eher entgegenstehen. Nicht zuletzt führen technische Probleme bei der genauen Aufenthaltsbestimmung zu einem immensen Arbeitsaufkommen bei der überwachenden Stelle und weiteren Einschränkungen auf Seiten des überwachten Probanden.

Schlüsselwörter: Elektronische Aufenthaltsüberwachung, elektronische Aufsicht, Führungsaufsicht, Risikoprognose, gefährliche Straftäter

 

Post-Release Electronic Monitoring of Offenders Considered Dangerous

Electronic tracking of released offenders via GPS was introduced in Germany in 2011. The aim of electronic tracking is to provide closer surveillance of high-risk offenders and to lower the likelihood of recidivism. However, many problems with this new tool have emerged. First, electronic tracking raises numerous legal concerns that are currently under assessment in Germany’s constitutional court. Second, the possibility to order electronic monitoring without consulting an expert risk assessment appears insufficient, especially because of the fundamental difficulty associated with the prediction of future offending patterns among released offenders. Third, there is little empirical evidence to suggest that electronic tracking reduces recidivism. On the contrary, stigmatization and restrictions from being constantly monitored, perhaps over several years, can impair reintegration into society. Lastly, monitoring and associated technical shortcomings lead to a high workload for supervision officers and further restrictions on tracked offenders.

Key words: Electronic tracking, Electronic monitoring, supervision of conduct, risk assessment, high-risk offenders

 in: R & P 2012, Heft 1, Seiten 9 bis 20

 

Herbert Steinböck

Was erwartet das komplementäre Umfeld vom Maßregelvollzug?

Die wichtige Rolle, die die Einrichtungen des sog. komplementären Umfelds für die Entlassung aus dem Maßregelvollzug spielen, wird zunächst durch eine kritische Diskussion des Terminus »komplementäres Umfeld« gewürdigt. Anschließend werden die Ergebnisse einer Umfrage zu den Erwartungen dieses »Umfelds« an die forensischen Kliniken vorgestellt und, auch unter Berücksichtigung einiger inzwischen gezogener praktischer Konsequenzen aus der Umfrage, diskutiert.

Schlüsselwörter: Forensik, Maßregelvollzug, Nachsorge, Gemeindepsychiatrie, komplementäres Umfeld, Netzwerkarbeit

 

What do community mental health care institutions expect of forensic psychiatric hospitals?

There is no doubt about the significance of community mental health care for the rehabilitation of forensic inpatients. Therefore, the term of »complementary institutions« for community mental health care is challenged. In order to find out what community mental health care institutions expect of forensic psychiatry, a questionnaire was sent to community care institutions. The results of the survey are presented and discussed.

Key words: Forensic psychiatry, treatment orders, after-care, community psychiatry, networking

 

in: R & P 2012, Heft 1, Seiten 3 bis 8

 

 

Michael R. Will

Europarat und Transsexuelle – eine facettenreiche Wirkungsgeschichte

Teil II
Im ersten Teil dieser Abhandlung (R & P 2011, 29: 215 – 229) waren die Entscheidungen des EGMR zum Transsexualismus und deren Auswirkungen auf eine Reihe der 47 Mitgliedstaaten des Europarats aufgefaltet worden. Der hier abgedruckte zweite Teil fragt zunächst nach der außereuropäischen Abstrahlung dieser Judikatur, vor allem in Lateinamerika. Sodann wird das Wirken der übrigen Europarats-Institutionen kritisch beleuchtet: des behäbigen Parlaments, des 1999 eingeführten und ungemein dynamischen Menschenrechtskommissars, der farblosen Internationalen Zivilstandskommission. Immer weniger akzeptabel erscheint die Beschränkung auf postoperative transsexuals, immer weniger die Qualifizierung des Transsexualismus als Krankheit. Neueste Gesetze und Gerichtsentscheidungen verzichten notfalls auf Operationen und Hormone, sodass Einträge eines intakten Mannes als Frau und einer intakten Frau als Mann zunehmen. Wer kann das Rechtschaos noch steuern?

Schlüsselwörter: Europarat, EGMR, EMRK, Menschenrechtskommissar, Transsexuellengesetz, internationaler Rechtsvergleich

 

Council of Europe and Transsexuals – A thorny modern legal history

Part II
Part I of this paper (R & P 2011, 29: 215 – 229) discussed the decisions of the ECHR on transsexuality and their repercussions on many of the 47 Council of Europe member states. Part II, presented here, identifies their influence beyond the boundaries of Europe, especially on Latin American countries. In a second step, the contributions of three other institutions of the Council of Europe are critically evaluated: the slow-paced European Parliament, the relatively new but extremely dynamic Commissioner of Human Rights and the rather pale International Commission on Civil Status. Over the last few years two issues are being increasingly questioned: first, that only postoperative transsexuals should enjoy the new legal privileges, and second, that transsexuality is still widely considered a health problem. Most recent legislation and court cases tend to forgo operations and hormonal treatment as prerequisites for the change of civil status resulting in women with a penis and men with functioning female organs. How to escape the legal chaos?

Key words: Council of Europe, European Court of Human Rights, European Convention on Human Rights, Commissioner of Human Rights, transsexuals, legislation

 

in: R & P 2012, Heft 1, Seiten 21 bis 30