Rolf Grünebaum

Das Ende des Funktionsvorbehalts aus Art. 33 Abs. 4 GG? Zum Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom 18.01.2012 – 2 BvR 133/10 (R & P 2012, 102ff.)

Seit einigen Jahren sehen immer mehr Bundesländer ihr Heil darin, den Maßregelvollzug privatrechtlich organisierten Einrichtungen zu überantworten, und zwar in unterschiedlichen Modellen und Formen. Dieser Trend wird in der allgemeinen Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, in der Fachwelt aber kritisch beobachtet. Die Verfassungsbeschwerde eines hessischen Maßregelvollzugspatienten hat schließlich den Weg zu einer Entscheidung des Bundesverfassungsgerichts frei gemacht. Am 18.01.2012 hat das Bundesverfassungsgericht ein Grundsatzurteil gefällt, nach dem es das hessische Privatisierungsmodell für mit der Verfassung vereinbar hält. Die nachfolgende Abhandlung setzt sich mit dem Urteil des Bundesverfassungsgerichts auseinander. Sie umreißt den bisherigen Problem- und Diskussionsstand, stellt den wesentlichen Inhalt des Urteils im Kontext dazu dar und beleuchtet das Urteil kritisch. Die wesentlichen, für die verfassungsrechtliche Zulässigkeit der Privatisierung nunmehr gesetzten Eckpunkte werden herausgestellt, ebenso wie die noch offenbleibenden Fragen. Der Verfasser sieht zwar in dem Urteil ein Aufweichen des Beamtenvorbehalts aus Art. 33 Abs. 4 GG, hält die Entscheidung aber insoweit für eine Ausnahmeentscheidung auf der Grundlage des hessischen Modells, nach dem die private Klinik-GmbH letztlich zu 100% in staatlicher Hand verblieben war. Weitergehende Privatisierungsmodelle werden danach durch das Urteil nicht legitimiert.

Schlüsselwörter: Maßregelvollzug, Privatisierung, Bundesverfassungsgericht

 

Forensic psychiatry in private hands? Germany’s Federal Constitutional Court agrees

Germany’s Länder increasingly entrust private enterprises with forensic mental healthcare – more or less unnoticed by the public, but critically observed by the professional community. A constitutional complaint by a patient in a forensic psychiatric hospital in Hessen became a test case and was decided in January 2012 in favour of privatisation of a forensic psychiatric hospital. This ruling is reviewed, including the framework for privatisation within constitutional boundaries. The decision of the constitutional court leaves some open questions; since the private hospital in question is still in 100% public ownership the decision does not legitimate further privatisation.

Key words: Forensic mental health care, privatisation, Federal Constitutional Court, Germany

 

in: R & P 2012, Heft 3, Seiten 121-127

 

 

 

John Mahler / Friedemann Pfäfflin

Die psychische Störung im ThUG

Ein zentraler Teil des am 01.01.2011 in Kraft getretenen »Gesetz[es] zur Neuordnung des Rechts der Sicherungsverwahrung und zu begleitenden Regelungen« ist das Therapieunterbringungsgesetz (ThUG). Dessen zentraler Bezugspunkt ist die sogenannte »psychische Störung«. Der folgende Beitrag untersucht die Relation zwischen »psychischer Störung« und den Eingangsmerkmalen der §§ 20 und 21 des Strafgesetzbuches und kommt zu dem Ergebnis, dass mit diesem sehr unscharfen Begriff Kriminalitätsfurcht geschürt, aber nichts zur Kriminalitätsprävention beigetragen wird.

Schlüsselwörter: Sicherungsverwahrung, ThUG, psychische Störung

 

»Unsound mind« and »psychische Störung« in the German Law for Therapeutic Preventive Detention

On January 1st, 2011, a new law came into force in Germany regulating preventive detenion for offenders. A part of this law is the Law for Therapeutic Preventive Detention (Therapieunterbringungsgesetz, ThUG) focusing on ›persons of unsound mind‹. The ThUG translates ›unsound mind‹ as ›mental disorder‹ (in German: ›psychische Störung‹). The paper investigates the relation between the definition of ›unsound mind‹ in the ThUG and mental disorders leading to deminished criminal responsibility within the context of the Criminal Code. The authors conclude that the vague terminology in the new law will not contribute to prevent criminal behaviour but rather to promote public concerns and fears about persons with mental disorders.

Key words: Preventive detention, unsound mind, mental disorder, Law for Therapeutic Preventive Detention

 

in: R & P 2012, Heft 3, Seiten 130-137

 

 

 

Tilmann Hollweg / Michael Winkelkötter

Schulische und berufliche Bildung im Maßregelvollzug

Viele der in den Maßregelvollzug eingewiesenen Patienten haben erhebliche Bildungsdefizite. In einer eigenen empirischen Erhebung konnte dies für die Patienten und Patientinnen des LWL-Maßregelvollzugs bestätigt werden. Die Mehrzahl der Maßregelvollzugspatienten verfügt über keine beruflichen Qualifikationen, etwa jeder Dritte kann keinen Schulabschluss vorweisen. Die schulische und berufliche Bildung ist daher ein wesentlicher Baustein in der Behandlung von Maßregelvollzugspatienten. Das Bildungsangebot in vielen Maßregelvollzugseinrichtungen und Entziehungsanstalten in Deutschland ist leider immer noch recht dürftig und kann den enormen tatsächlichen schulischen und insbesondere beruflichen Bildungsbedarf vieler Patienten nicht annähernd abdecken. Eine bedarfsgerechte Weiterentwicklung ist dringend erforderlich. Ausgehend von einer systematischen Bildungsplanung sollten im Rahmen der Gesamtbehandlung individuell zugeschnittene und auf das Rehabilitationsziel ausgerichtete schulische und berufliche Bildungsmaßnahmen bei Maßregelvollzugspatienten umgesetzt werden. Ebenso wichtig ist die anschließende Integration in den ersten oder zweiten Arbeitsmarkt. Eine interdisziplinär zusammengesetzte Arbeitsgruppe im Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL) hat dazu konkrete Empfehlungen erarbeitet.

Schlüsselwörter: Maßregelvollzug, schulische und berufliche Bildung, § 63 StGB, § 64 StGB

 

Education and vocational training in forensic psychiatric hospitals

Many patients treated in forensic psychiatric institutions have major educational deficiencies. The majority of forensic psychiatric patients lack vocational qualifications and close to one in three did not complete school. Education and vocational training are key components in the treatment of forensic patients. In Germany, educational opportunities in forensic psychiatric hospitals and forensic substance dependence facilities are still scarce and cannot meet the tremendous educational and vocational needs of their patients. This situation warrants action. Starting from a systematic educational planning, educational and vocational measures need to be realized for patients with hospital orders. As part of the comprehensive treatment, educational and vocational measures should be tailored in a targeted and individual fashion so that the rehabilitation targets can be reached. Equally important is access to the labour market and subsidized jobs (›the second labour market‹). An interdisciplinary working group at the Westphalia-Lippe Regional Association (LWL) has drawn up specific recommendations.

Key words: Forensic psychiatry, education and vocational training, § 63 StGB, § 64 StGB

 

in: R & P 2012, Heft 3, Seiten 138-145

 

 

 

Ilona Kogan

Psychoedukation im Justizvollzugskrankenhaus

Die Effektivität der Psychoedukation bei Patienten mit einer schizophrenen Erkrankung in der Allgemeinpsychiatrie wurde in einigen Studien der letzten Jahrzehnte belegt. Psychoedukative Maßnahmen beschreiben systematische Interventionen, die Patienten über die Krankheit und ihre Behandlung informieren. Durch frühe psychoedukative Interventionen können die medikamentöse Compliance gesteigert, die Wiedererkrankung verhindert oder verzögert und die stationäre Aufenthaltsdauer reduziert werden. Bislang gibt es jedoch keine Studien, die sich mit der Effektivität psychoedukativer Maßnahmen in psychiatrischen Abteilungen der Justizvollzugsanstalten in Deutschland befassen.

Der Beitrag beschreibt eine Studie, mit der die Effektivität der Psychoedukation im Justizvollzugskrankenhaus untersucht werden soll.

Männliche Gefangene mit einer F20.X Diagnose (Schizophrenie) werden randomisiert einer von zwei Behandlungsgruppen zugeteilt. In der Experimentalgruppe erhalten die Teilnehmer Informationen über die Erkrankung zusätzlich zu den bestehenden medizinischen und therapeutischen Angeboten. Den Teilnehmern der Kontrollgruppe wird das medizinische und sonstige therapeutische Angebot zur Verfügung gestellt.

Alle Teilnehmer werden zu drei Zeitpunkten mit den folgenden psychologischen Verfahren getestet: PANSS, SKID I und II, ESI, IRAOS and PCL-r/Factor 2.

Es wird erwartet, dass die Effektivität psychoedukativer Maßnahmen im Justizvollzugskrankenhaus den Ergebnissen der Effektivitätsstudien in der Allgemeinpsychiatrie entspricht.

Schlüsselwörter: Schizophrenie, Psychoedukation, psychisch kranke Straftäter, Justizvollzugskrankenhaus

 

Psychoeducation in Prison Psychiatry

Background: There is some evidence for the effectiveness of psychoeducational interventions in psychiatric inpatient treatment facilities. Early psychoeducational intervention has been linked to both increased treatment adherence and a reduction in relapse rates and readmission to hospital. However, the effectiveness of these interventions in Germany’s prison psychiatry on inmates with schizophrenic disorders has not been investigated.

Objective: This study will examine the effects of psychoeducational interventions in prison psychiatry.

Methods: Male inmates with ICD-10-diagnosis F20.X (Schizophrenia) are randomly assigned to one of two treatment conditions. In the psychoeducational intervention condition, participants will receive information on mental illness in addition to TAU (treatment as usual). Participants in the other treatment condition will receive TAU only. All participants will be tested with a range of psychological instruments: PANSS, SCID I and II, ESI, IRAOS and PCL-r/Factor 2 at three different points in time (pre-intervention, immediately post-intervention and six-months-post-intervention).

Results/Conclusion: It is expected that similar results will be found in prison psychiatry as in general psychiatry. Moreover, it is anticipated that early intervention will facilitate knowledge acquisition, treatment adherence and shorter inpatient admissions.

Key words: Schizophrenia, psychoeducation, mentally ill offenders, prison hospital

 

in: R & P 2012, Heft 3, Seiten 146-151