Veröffentlichungen in R&P, Heft 1/2014

 

Gwen Adshead, Natalie Pyszora, Deryk Thomas, Ramesh Gopie, Judith Edwards, James Trapp

Der Wartesaal. Berichte über die Wiederherstellung bzw. Genesung und Entlassung von Patienten, die unter hoch gesicherten Bedingungen in der geschlossenen Psychiatrie behandelt wurden


In der psychiatrischen Versorgung des Vereinigten Königreichs nimmt das Thema recovery (Genesung, Wiederherstellung) einen zentralen Platz ein. Um diese zu erreichen, gibt es eine Reihe verschiedener Dienste und Aktivitäten. Dazu zählt auch, dass man den Patienten erzählen lässt, wie er die Geschichte seiner Genesung von der Krankheit erlebt und wieder zur Identität eines Gesunden gefunden hat. Für forensische Patienten mag dieser Weg häufig kompliziert sein, weil er impliziert, dass sie auch so etwas wie ›Sicherheit‹ aufgeben müssen, wenn sie aus der hoch gesicherten forensischen Klinik verlegt werden, und weil man ihnen auch in Zukunft nicht gestattet, ihre Identität als Straftäter abzulegen. Wir stellen Material aus einer Männergruppe aus einer hoch gesicherten forensischen Einrichtung im Vereinigten Königreich vor, das beispielhaft zeigt, wie komplex der Genesungs- und Wiederherstellungsprozess aus der Unterbringung in der Forensik ist.

Schlüsselwörter: Recovery-Ansatz, Maßregelvollzug, Gruppentherapie

»The Waiting Room«. Narratives of recovery and departure in men leaving high secure psychiatric care

Recovery is a key theme in mental health care in the UK. It encompasses a variety of approaches to services, including exploration of the patient’s own narrative of recovery from illness and moving on to a non-patient identity. This process may be complicated for forensic patients, for whom moving on means leaving a type of ›security‹; and who may not be allowed to move on from an offender identity. In this paper, we present material from a group for men leaving high secure hospital care in the UK that indicates some of the complexities of recovery in forensic services.

Key words: Recovery, psychotherapy, forensic psychiatry, discharge, group therapy

in: Recht & Psychiatrie 2014, 12-20

 

Martin Kitzberger, Florian Engel, Herwig Nosko 

Risikoorientiert und maßgeschneidert? Trends im österreichischen Maßnahmenvollzug

Diese qualitativ-empirische Erhebung untersucht den Zustand des österreichischen Maßnahmenvollzugs gemäß § 21 Abs. 1 öStGB. Es wurde mit einer inhaltsanalytischen Untersuchung der relevanten Stellungnahmen zur Entlassung der Frage nachgegangen, warum sich die Anhaltedauer vor einer bedingten Entlassung in den letzten zwei Jahrzehnten fast verdoppelt hat. Die Ergebnisse dokumentieren, dass Entscheidungen über freiheitsbezogene Lockerungen wenig oder uneinheitlich mit der systematischen Erfassung der spezifischen Gefährlichkeit und dem Übergangsmanagement drinnen/draußen verknüpft sind. Es wurde auch deutlich, dass passende soziale Empfangsräume für eine poststationäre Betreuung fehlen. Neuere Entwicklungen zeigen einen positiven Trend bezüglich bedingter Entlassungen, wenn der Abbau der Gefährlichkeit unter Beachtung eines differenzierten Risikomanagements sowie einer individuellen Bedürfniseinschätzung erfolgt und das Nachbetreuungsumfeld möglichst individuell gestaltet wird.

Schlüsselwörter: Maßnahmenvollzug, Nachbetreuung, Behandlung, Risikomanagement, bedingte Entlassung

Risk-based & Bespoke? Trends in Austrian Forensic Psychiatry

This study examines aspects of the Austrian detention system for mentally ill offenders found not guilty for reasons of insanity. Core of the research project is the question why the duration of detention in this group of offenders has doubled within the last two decades. For this purpose, the content of written experts’ reports was analysed. The results show that decisions regarding relaxation of restrictions are not systematically based on the results of individual risk assessments. Furthermore, the transition from inpatient to outpatient treatment did not tie in with risk assessment and prognosis. The analysis also documents a lack of adequate residential placements. However, recent developments show a positive trend towards an increasing number of conditional releases, providing the application of advanced risk-management and the availability of after-care settings that take into account individual needs.

Key words: Forensic psychiatry, after-care, treatment, risk-management, conditional release

in: Recht & Psychiatrie 2014, 4-11

 

Jan Querengässer, Klaus Hoffmann, Thomas Ross

Erledigungen von Unterbringungen nach § 64 StGB wegen Aussichtslosigkeit aus Therapeutensicht. Ergebnisse einer Therapeutenbefragung zu Abbrechern

Die Zahl der Patienten, die nach § 64 StGB in bundesdeutschen Maßregelvollzugseinrichtungen behandelt werden, hat sich in den letzten zwölf Jahren verdoppelt. Trotz der gesetzlich geforderten positiven Behandlungsprognose verharrt die Quote der Erledigungen wegen Aussichtslosigkeit bei rund 50 %. Studien zur Senkung der Abbruchzahlen befassen sich vorwiegend mit der Ermittlung persönlichkeitsbezogener Eigenschaften »typischer Abbrecher«. Konkrete Gründe für Therapieabbrüche, aber auch die klinische Erfahrung der behandelnden Therapeuten, wurden bisher nicht systematisch untersucht.
Um diese Lücken zu füllen, wurden in vier süddeutschen MRV-Kliniken 35 Therapeuten zu ihren subjektiven Konzepten über Abbrecher befragt. Darüber hinaus wurde eruiert, ob und ggf. inwiefern sie von der Effektivität der Behandlung überzeugt sind und welche Gründe zur Erledigung der Unterbringung bei eigenen Patienten führten. Eine Bewertung der Relevanz und Häufigkeit dieser Gründe wurde erfragt.
Die Ergebnisse der Studie beschreiben erstmals aus Therapeutensicht, welche Voraussetzungen gegeben sein müssen, dass es zu einem Therapieabbruch kommt. Sie zeigen darüber hinaus aber auch die Heterogenität der Abbruchgründe und Erklärungskonzepte der Therapeuten, woraus die Notwendigkeit einer noch stärker individualisierten Behandlung abgeleitet wird.

Schlüsselwörter: Behandlungsprognose, Entziehungsmaßregel, Forensische Psychotherapie, Straftäterbehandlung

Therapists’ views on drop-outs according to section 64 of the German Criminal Code (StGB). Results of a survey

During the last twelve years the number of patients detained in forensic psychiatric hospitals for addiction treatment according to section 64 of the German criminal code has doubled. Although the law requires a favourable prognosis for patients to be admitted, the percentage of therapy drop-outs remains at 50 %. Most studies focusing on the causes of high drop-out rates dealt with the identification of person-related characteristics of »typical drop-out« patients. Drop-out reasons as related to therapists’ clinical experiences have not yet been investigated systematically.
Therefore, thirty-five therapists working in German forensic psychiatric hospitals were asked to report on their subjective concepts of drop-out from addiction treatment. It was investigated whether and if so, to what extent therapists regarded their own treatment as effective, and to identify the reasons that led to premature treatment termination. The therapists were asked to assess the relevance and frequency of the reasons cited to terminate therapy.
The results draw on therapists’ views on the requirements that have to be met for termination of treatment. The reasons underlying the decision to regard treatment as ineffective are manifold, as are the therapists’ explanatory concepts. It is concluded that treatment according to section 64 of the German criminal code might benefit from focusing even more on individual needs.

Key words: Prognosis, addiction, forensic psychotherapy, offender treatment

in: Recht & Psychiatrie 2014, 21-30