Veröffentlichungen in R&P, Heft 2/2014

 

Ulrich Eisenberg

Heimliche versus dokumentierte Kommunikation zwischen strafjustiziellem Auftraggeber und kriminologischem, psychologischem, psychiatrischem oder psychologisch-therapeutischem Sachverständigen

Aktueller Anlass des Beitrags ist zum einen die im Koalitionsvertrag-Bund (vom 24.11.2013, Zeilen 6589 – 6592) enthaltene Zielsetzung, trotz prognostisch im Wesentlichen nicht einlösbarer Schwierigkeiten vor allem zu dem Begriffskonstrukt »Gefährlichkeit« eine sog. »nachträgliche Therapieunterbringung« einzuführen, zum anderen sind es die nicht versiegenden Nachweise zur Ergebnisbeeinflussung kriminal-forensischer Sachverständigengutachten auf den oben angeführten Gebieten durch den jeweiligen Auftraggeber. Dabei drängt sich auch die Frage nach dem Sinn dieser oder jener gesetzlich verlangten zusätzlichen Doppel- und Mehrfachbegutachtungen auf, wenn der Auftraggeber sich sodann ohnehin zielorientiert im Wesentlichen auf dasjenige Gutachten stützt, bei dessen Verfasser er sich vorab in geeigneter Weise des Ergebnisses versichert hat. Rechtspolitisch geht es um die Irreführung der Öffentlichkeit durch Förderung sog. »Gutachtenseligkeit«.

Schlüsselwörter: Gutachten, Sachverständiger, Therapieunterbringung, Psychiatrie, Kriminologie

Covert and open communication between court and expert witness

Germany’s coalition government, despite intractable difficulties with prognostic uncertainty and the concept of dangerousness, intends to introduce ex post therapy detention. Furthermore, there is a constant drip of evidence for direct interference on expert witness statements by the court and prosecution to achieve their intended results of criminological, psychological and psychiatric reports. The author then asks whether there is any logic in commissioning additional court reports from criminologists, psychologists and psychiatrists, if those providing the reports merely follow the line given by the commissioning authority. In legal-political terms this practice amounts to misleading of the public by promoting a concept of evidence with more and more court reports.

Key words: Report, expert witness, detention, psychiatry, criminology

in: Recht & Psychiatrie 2014, 80-84

Tanja Haubner-MacLean, Reinhard Eher

Nicht mehr gefährlich und doch rückfällig? Die ungenügende Abbildung gefährlichkeitsrelevanter Merkmale bei rückfälligen ehemals untergebrachten Sexualstraftätern

Aus einer Stichprobe von einschlägig rückfälligen, aus der Maßnahme entlassenen Sexualstraftätern wurden Gutachten, die zur Entlassungsentscheidung beitrugen, systematisch untersucht. Dabei wurde vor allem der Frage nachgegangen, inwiefern risikorelevante Merkmale aufgegriffen und vor dem Hintergrund einer wissenschaftlich fundierten Veränderungstheorie abgehandelt wurden.
Eigene Fallanalysen ergaben dabei, dass bei 14 von insgesamt 24 identifizierbaren empirisch gesicherten Risikomerkmalen die eigene Einschätzung wesentlich ungünstiger ausgefallen wäre im Vergleich zu den Gutachten, die für die Entlassung entscheidend waren. Darüber hinaus waren lediglich 5 % der von den Gutachtern selbst aufgegriffenen Risikomerkmale nachvollziehbar im Sinne einer Risikoreduktion verändert beschrieben.
Eine eingehende Analyse und Formulierung einer individuellen Delinquenztheorie wurde nur in 17 % der Fälle vorgenommen.
Die Ergebnisse können keinen kausalen Zusammenhang zwischen Mängel der Gutachten und Rückfälligkeit herstellen, sie verdeutlichen aber die Notwendigkeit der Befassung mit risiko­relevanten Merkmalen, der Formulierung einer individuellen Delinquenztheorie und die Abbildung von Veränderung vor dem Hintergrund einer wissenschaftlich fundierten Veränderungstheorie.

Schlüsselwörter: Sexualstraftäter, Risikoeinschätzung, Risikomerkmale, Veränderung des Risikos, Gutachten

Not dangerous anymore but still relapsing? Flawed risk assessment in sexual offenders released from a high security forensic hospital who subsequently relapsed

Risk assessment reports of sexual offenders released from a high security mandatory forensic hospitalization who subsequently relapsed were analyzed in this study. We investigated whether empirically proven risk factors had been taken into account in the risk assessment leading to release.
In 14 out of 24 identifiable risk factors offenders were found more problematic in our analyses than they had been found during the risk assessment leading to release. Moreover, in only 5 % of all identified risk factors a traceable description of risk relevant change was given referring to a scientific theory of change. A comprehensive individual analysis of the relevant criminal behaviour was only reported in 17 % of the cases. Although these results cannot prove a causal link between insufficient risk assessment and relapse, it seems obvious that professional risk assessment has to rely on the formulation of an individual theory of criminal behaviour, a comprehensive analysis of risk relevant factors and their changes.

Key words: Sexual offenders, risk assessment, risk factors, risk change

in: Recht & Psychiatrie 2014, 69-79

 

Martin Zinkler

Risikobasierte Allgemeinpsychiatrie: Wirkungen und Nebenwirkungen

Ausgehend von der Vermutung, dass bestimmte Entwicklungen in der forensischen Psychiatrie mit der Psychiatriereform zusammenhängen, empfehlen Experten eine Reihe von Veränderungen in den allgemeinpsychiatrischen Hilfssystemen: strukturierte Risikoeinschätzung, längere stationäre Aufenthalte, mehr Psychoedukation, mittelfristige gerichtliche Unterbringungen und den Einsatz von Depot-Neuroleptika. Großbritannien hat mit ähnlichen Argumenten besonders intensive aufsuchende Behandlung (assertive community treatment, ACT) und ambulante Zwangsbehandlungen eingeführt. Die geringe Evidenz für die Wirksamkeit dieser Instrumente wird vorgestellt, aber auch die wahrscheinlichen Nebenwirkungen solcher Interventionen für die psychiatrischen Hilfssysteme.

Schlüsselwörter: Risikoeinschätzung, Neuroleptika, Unterbringung, Psychoedukation, Zwangsbehandlung

Risk-based general psychiatry: effectiveness and side effects

Based on the assumption that the increase in the population of patients detained in forensic mental health services is the result of current practice in community mental health care, German and international experts recommended a number of changes for adult mental health services: structured risk assesssment, longer inpatient treatment, more psychoeducation, longer detention in low-secure units, more use of depot antipsychotic medication, assertive community treatment and community treatment orders (outpatient commitment). Similar arguments were used in England and the US to introduce assertive community treatment (assertive outreach) and community treatment orders. The author reviews the lack of evidence to support these interventions and outlines the costs and risks for service users and for mental health services if these recommendations were followed.

Key words: Risk assessment, antipsychotics, detention, psycho­education, assertive community treatment, community treatment orders

in: Recht & Psychiatrie 2014, 64-68