Veröffentlichungen in R&P, Heft 4/2011

Klaus Masanz

»Und wie soll es weitergehen, wenn ich draußen bin?«

Eine Mitarbeiterevaluation in fünf Forensischen Fachkliniken Baden-Württembergs zur forensischen Nachsorge

Im Rahmen einer qualitativ-quantitativen Untersuchung, die in fünf forensischen Fachklinken Baden-Württembergs durchgeführt wurde, die Patienten nach § 63 StGB behandeln, wurde nach den Empfehlungen und Erwartungen von Mitarbeitern an die im gemeindepsychiatrischen Kontext tätigen Mitarbeiter gefragt, die im Anschluss die nachsorgende forensische Behandlung übernehmen. Die Befragten der Fachkliniken haben darüber hinaus ihre Vorstellungen geäußert, wie die Behandlung und die Angebote im Zuge der forensischen Nachsorge gestaltet sein sollten. Die Forensische Psychiatrie sieht bei drei Patientengruppen einen spezifischen Umgang und  Behandlungsweise vor. Anti­stigmaarbeit, Krisenintervention sowie eine regelmäßige und fortlaufende Kontrolle und Risikobeurteilung werden als weitere Schwerpunkte innerhalb der Nachsorgearbeit hervorgehoben.

Schlüsselwörter: Forensik, Maßregelvollzug, Nachsorge, Gemeindepsychiatrie, Netzwerkarbeit, Kontrollen und Risikobeurteilung

 

And what after discharge? A survey among staff in forensic inpatient units on discharge planning

A qualitative-quantitative survey of employees in five forensic psychiatric hospitals in Baden-Württemberg revealed several expectations and recommendations for forensic community mental health care after discharge from forensic inpatient units. Inpatient staff made suggestions on how to arrange and organize community aftercare. Three groups of patients with particular needs were identified. The need for networking, cooperation, anti-stigma work, regular assessments, crisis plans and risk-assessments was emphasized.

Key words: Forensic psychiatry, after-care, community mental health, networking, risk-assessment

 in:R & P 2011, Heft 4, Seiten 195 – 198 

 

Grischa Merkel

Die trügerische Rechtssicherheit der vorbehaltenen Sicherungsverwahrung und der nachträglichen Therapieunterbringung

Der Beitrag zeichnet nach, wie das Bundesverfassungsgericht (BVerfG) mit seiner Entscheidung vom 04.05.2011 der Kritik des Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte (EGMR) an der Sicherungsverwahrung (SV) in ihren wesentlichen Zügen folgt, indem es im Geiste der europäischen Richter neue Voraussetzungen für den Vollzug der SV aufstellt und deren rückwirkende Verlängerung für verfassungswidrig erklärt. Dies soll auch für die nachträgliche Anordnung der Verwahrung gelten, sofern sie nicht wegen einer psychischen Störung des Täters weiterhin zum Schutz der Allgemeinheit erforderlich erscheint. In diesem Kontext verweist das Gericht auf das Anfang dieses Jahres in Kraft getretene Gesetz zur Therapierung und Unterbringung psychisch gestörter Gewalttäter (Therapieunterbringungsgesetz – ThUG), ohne jedoch dessen Verfassungsmäßigkeit zu prüfen. Zurückhaltung zeigen die Karlsruher Richter auch bei der Überprüfung der im Jahre 2002 in Kraft getretenen vorbehaltenen SV. Dadurch wird die Rechtssicherheit, wie der Beitrag zeigt, auch weiterhin belastet, denn beide Regelungen dürften mit der Europäischen Konvention zum Schutze der Menschenrechte und Grundfreiheiten (EMRK) und deren Auslegung durch den EGMR nicht vereinbar sein.

Schlüsselwörter: Gefängnis, psychische Störung, Psychopathie, dissoziale Persönlichkeitsstörung, Schuldfähigkeit

 

Ropes of Sand: Reserved preventive detention and Ex-post detention in Germany

The author traces the reasoning of Germany’s Federal Constitutional Court in its decision from 04.05.2011 ruling on new criteria for preventive detention and declaring Ex-post detention as unconstitutional. This decision followed the European Human Rights Court’s critique on preventive detention in Germany. It also applies to Ex-post extension of preventive detention – unless detention is deemed necessary for public safety concerns arising from a mental disorder. The Court refers to the new law on detention for therapy (Therapie­unterbringungsgesetz, ThUG), but without examining whether this law is in line with the constitution. The court also shows restraint in the examination of the 2002 law on reserved preventive detention. Legal certainty remains strained as both laws appear incompatible with the European Convention on Human Rights (ECHR) and its interpretation by the European Court of Human Rights.

Key words: Prison, preventive detention, mental disorder, psychopathy, criminal responsibility

 in:R & P 2011, Heft 4, Seiten 205 – 214

 

 Michael R. Will

Europarat und Transsexuelle – eine facettenreiche Wirkungsgeschichte

Teil I
Niemand wäre berufener gewesen als der 1953 gegründete Europarat in Straßburg, die Grundlagen für ein einheitliches Transsexuellengesetz zu schaffen. Dies geschah jedoch nicht. Erst nach Errichtung des unter seinem Dach im Jahr 1959 errichteten Europäischen Gerichtshofs für Menschenrechte konnten supranationale Richter die Beschwerden einzelner Transsexueller wegen Verletzung von Art. 8 (Persönlichkeitsschutz) und Art. 12 (Ehe und Familienleben) der Europäischen Menschenrechtskonvention anhören und durch ihre Urteile vorsichtig auf wild wuchernde einzelstaatliche Normen einwirken. Im Lichte dieser Entwicklung passieren hier 30 Jahre Gesetzgebung, Rechtsprechung oder Verwaltungsregelungen in rund 30 Ländern Europas, Lateinamerikas nebst Japan Revue, bis zuletzt der anlässlich des 50-jährigen Europaratsjubiläums geschaffene »Menschenrechtskommissar« hilft, das jüngste und erstaunlichste Transsexuellengesetz der Welt aus der Taufe zu heben: in Portugal Lei No 7/2011 vom 15. März 2011.
Hier findet sich der erste Teil dieser Abhandlung mit den Entscheidungen des EGMR und deren Auswirkungen auf die Mitgliedstaaten.

Die Fortsetzung wird in R & P Heft 1/2012 abgedruckt.

Schlüsselwörter: Europarat, EGMR, EMRK, Menschenrechtskommissar, Transsexuellengesetz, internationaler Rechtsvergleich

 

Council of Europe and Transsexuals – A thorny modern legal history

Part I
To pave the way towards uniform laws for transsexuals, no other institution would have been in a better position than the Council of Europe in Strasbourg, founded in 1953. Yet, only from 1959, when the Council of Europe established the European Court of Human Rights, supranational judges were able to hear complaints by individuals claiming violation of Art. 8 (personality rights) and Art. 12 (marriage and family life) of the European Convention on Human Rights, and 
slowly straightened out, case by case, wildly diverging national jurisdictions. Under this perspective 30 years of legislation, case law and administrative regulations in some 30 countries (Europe, Latin America and Japan) are briefly examined. Lately, the »Commissioner of Human Rights«, installed on the Council of Europe's 50th anniversary, helped giving birth to the most recent and surprising legislation in Portugal: Lei No 7/2011 of March 15, 2011.

This is part I of the paper, focusing on the decisions of the ECHR.

Part II will be published in R & P 1/2012.

Key words: Council of Europe, European Court of Human Rights, European Convention on Human Rights, Commissioner of Human Rights, transsexuals, legislation

 in:R & P 2011, Heft 4, Seiten 215 − 229